Bernd Scheid

Bernd Scheids künstlerisches Verhältnis zu den wirklichen Dingen bleibt gespannt, zustimmend und ablehnend zugleich. Im Hervorbringen von Kunstwerken sieht er vor allem den Versuch, das Malerische als solches zu thematisieren und auszugestalten, obgleich er ursprünglich vom Zeichnerischen und der Bildhauerei seinen Ausgang nahm.

 

Antike "téchne" in ihrem weiten und tiefen Sinn leitet Scheids Vorstellungen. Für ihn wächst alles aus der "Physis", dem aus sich selbst Hervorkommen der Natur, im Sinne des berühmten Philosophensatzes: "Kunst holt die Natur nie ein. Sie lebt von ihr." Das von sich her Aufscheinen von Wahrheit wird gesucht, nicht Herstellung eines Machwerks. Kunst wird aufgefasst als Erkenntnis.

 

Zugleich glaubt Scheid an die Wirksamkeit des Geistigen in der Kunst, wie wir es etwa bei Klee und Kandinsky finden. Aber er kennt auch das faustische "höllische Feuer unter dem Kessel", wie Thomas Mann so treffend in seinem großen Künstlerroman formuliert, jene glühende Konstruktion aus Inspiration und Transpiration, die den Malvorgang auf den Weg zu bringen vermag mit ihrem Ineinandergreifen von abstrakten und figurativen Elementen.

 

Was auf den ersten Blick spontan und gestisch wirkt, ist das immer wieder neu durchdachte Ergebnis zahlreicher Skizzen und Entwürfe. Hinzu tritt der unmittelbare Impetus des Malvorgangs selbst, der dem ingeniösen Spiel von Zufall und Notwendigkeit weiten Raum belässt.

 

Diese Komponenten in ihrem Zusammenwirken verbürgen jene Lebendigkeit des künstlerischen Schöpfungsaktes, die Scheid für wesentlich hält. Im Laufe seiner Entwicklung rückt indessen die anfängliche Gegenstandsnähe stärker in den Hintergrund. Die Komposition eigener Welten wird zum entscheidenden Gegenstand der Malerei. Wichtige Faktoren bleiben stets Witz und Ironie, Kunst als "Belustigung des Verstandes und des Witzes" im klassischen, hintergründigen Sinn. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst. Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.

 

Mandrill

Mandrill

Titel brauchen diese Bilder nicht unbedingt. Falls vorhanden, werfen sie allerdings ein Schlaglicht auf den Kontext, wie "Specht", "Pferdekopf", "Tanz", "Kauz" oder "Fisch".

 

Die Gouachen kennen im allgemeinen keine Titel. Als Stadien in der Entfaltung von Kompositionsvarianten erscheinen sie lediglich mit fortlaufenden Nummern versehen. Die angedeuteten Fabelelemente, das zeichnerische "Erzählen" (bekanntlich ist all unser Reden eine "Fabeln", wie die romanischen Termini hablar, falar, parler, parlare etc. zeigen), scheinen nur vage, als Andeutung und Vorenthalt, fast ungreifbar, durch die labyrinthischen Verknotungen der Bildkonstruktion hindurch. Entscheidend bleibt letztlich immer die Farbe. Aus ihr lebt das Ganze. Aber Scheid konstruiert die Palette nicht wissenschaftlich-akademisch, quasi mathematisch-geometrisch, wie etwa Josef Albers in seiner "Interaction of Color". Dem "esprit de géométrie" setzt er den "esprit de finesse" entgegen. Er wird vom Instinkt, dem "feeling" geleitet. Daher auch die äußerste Zurückhaltung beim Ahnenlassen figurativer Relikte, konkreter Wirklichkeitsfragmente oder fabulöser Gestalten. In den Werken Scheids verschränken sich Gewähren und Verhehlen, Offenbarung und Verdunkelung. Sie lassen das "offenbare Rätsel" eindrücklich erleben, in dem Goethe das Wesen des Kunstwerks erkannte, jene "unheimliche Anwesenheit des Abwesenden", von der Martin Heidegger raunte.

 

Der am 5. September 1948 in Dresden geborene Bernd Scheid lebt und arbeitet bereits seit 1978 im Westen Deutschlands, wo er sich inzwischen einen Namen geschaffen hat. Durch seine Herkunft findet dieser Künstler unmittelbaren Zugang zum kunsthistorischen Phänomen der legendären "Brücke" und des in ihrer Aura waltenden Geistes.

 

Aus dem Vergleich dieser Quellen ergibt sich, dass mal die "expressionistische", mal die "abstrakte" Seite - wie auch bei Scheid - akzentuiert wird. Stets aber geschieht dies auf der Grundlage der Spontaneität des Malgestus und einer bemerkenswerten Freiheit der Technik.

 

Im Gegensatz zu purem "Action painting" schaltet Bernd Scheid die rationale Kontrolle keineswegs aus. Aber auch der Zufall wird in sein universales Recht gesetzt: "Un coup de pinceau jamais n'abolira le hasard", ein Pinselstrich schafft nie den Zufall ab, ließe sich in diesem Zusammenhang der geheimnisvolle "Würfelwurf" - le "Coup de Dé" - Stephane Mallarmes parodieren.

 

Fundamental wichtig bleibt ein lyrisch-rhythmischer, nachgerade "rhapsodischer" Schwung, die "musikalische" Sprengkraft malerischer Kompositionsverfahren, denen das Erkenntnis schaffende Aufreißen festgefügter Strukturen und Gewohnheiten gelingt. In dieser, im besten Sinne "aufklärerischen" Grundeinstellung liegen Rang und Würde der eindrucksvollen Malerei von Bernd Scheid.

 

Dr. Hans G. Tuchel

 

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